Sport zwischen der Begeisterung der Zuschauer
und eigener sportlicher Betätigung
Freitagspredigt in der Al-Muhajirin-Moschee – 26.06.2026
Alles Lob gebührt Allah, dem Erhalter aller Welten. Wir lobpreisen Ihn, suchen Seine Hilfe und Seine Vergebung.
Und der Friede und Segen seien auf unserem Propheten Muhammad ﷺ, der als Barmherzigkeit für die gesamte Schöpfung gesandt wurde, auf seiner Familie, seinen Gefährten und allen, die seinem Weg bis zum Jüngsten Tag folgen.
Liebe Geschwister im Islam,
In diesen Wochen ist die Welt mit einem großen internationalen Sportereignis beschäftigt, nämlich den Spielen der Fußball-Weltmeisterschaft; die Menschen warten gespannt auf die Spiele, um sie zu verfolgen, zu analysieren und in Tipprunden Vorhersagen zu treffen, und manche reisen sogar in die USA, um live dabei zu sein und ihre Lieblingsmannschaft anzufeuern.
Sie geben dafür Tausende von Dollar aus, häufig wird dabei wird jedoch nicht bedacht, welche negativen Auswirkungen eine solche intensive Beschäftigung mit dem bloßen Zuschauen haben kann, insbesondere wenn sie in Konkurrenz zur eigenen körperlichen Aktivität tritt. Ein zentrales Thema dieses Ereignisses ist daher der Gegensatz zwischen dem passiven Vergnügen des Zuschauens und dem aktiven Nutzen der sportlichen Betätigung.
Die Bedeutung des aktiven Sports
Sport, den der Mensch selbst ausübt, stärkt den Körper, schützt vor Krankheiten und fördert die Gesundheit. Für Jugendliche ist er besonders wichtig, da er nicht nur den Körper kräftigt, sondern auch von schädlichen Beschäftigungen und Begierden ablenken kann. Zudem reduziert er übermäßigen Medienkonsum und die Zeit in sozialen Netzwerken. Darüber hinaus wirkt Sport stressabbauend, verbessert die psychische Gesundheit, hebt die Stimmung und steigert die Schlafqualität. Er verleiht dem Menschen Aktivität und Energie und hilft ihm, Trägheit zu überwinden.
Das bloße Zuschauen hingegen bringt dem Körper keinen direkten Nutzen. Der Gewinn beschränkt sich meist auf kurzzeitige Freude über Sieg oder Niederlage der eigenen Mannschaft. Die wahren Profiteure solcher Großereignisse sind häufig Akteure im Umfeld des Sports – wirtschaftliche und politische Interessen, die diese Ereignisse für eigene Zwecke nutzen, während die breite Masse in erster Linie konsumiert.
Besonders schmerzhaft ist es, wenn sich Menschen in solche Ereignisse vertiefen, während gleichzeitig große Leiden in der Umma bestehen, etwa die Notlage der Menschen in Gaza und an anderen Orten der Welt. Dies wirft die Frage auf, wie sehr wir noch mit dem Leid unserer Gemeinschaft verbunden sind oder ob wir uns in eine Welt bloßer Unterhaltung zurückziehen, in der es nur noch um vorübergehende Zerstreuung geht.
1. Erholung und Unterhaltung sind im Islam grundsätzlich zulässig
Prinzipiell ist das Zuschauen und die Unterhaltung im Islam erlaubt, solange sie nicht gegen religiöse Pflichten verstößt. Der Prophet ﷺ betrachtete gemeinsam mit seiner Frau Aisha (ra) die Speerwettkämpfe der Abessinier, die sogar in der Moschee von Madina stattfanden. Er fragte sie einem authentischen Hadith, der von ihr überliefert wurde: „Möchtest du zuschauen?“ Sie antwortete: „Ja.“ Dann berichtet sie: „Da stellte er sich hinter mich, meine Wange an seine Wange, und rief: ‚Vorwärts, ihr Söhne von Arfida!‘ Als ich mich langweilte, fragte er: ‚Hast du genug?‘ Ich sagte: ‚Ja.‘ Er sagte: ‚Dann lass uns gehen.‘“ Dies belegt, dass erlaubte Unterhaltung im geeigneten Rahmen zulässig ist.
Einige Moscheen in Europa haben daher gute Wege gefunden, Sportübertragungen in einem angemessenen Rahmen zu ermöglichen, um Jugendliche an die Moschee zu binden und ihnen gleichzeitig einen bewussten Umgang mit solchen Ereignissen zu lehren. Allerdings gilt dabei eine klare Bedingung: Unterhaltung darf niemals zu Vernachlässigung religiöser Pflichten führen oder Verbotenes fördern. Dazu gehört auch, keine übermäßige Begeisterung für eine bestimmte Mannschaft zu zeigen, außerdem, darauf zu achten seine Zeit nicht ausschließlich mit der Betrachtung von Sportereignissen zu verschwenden. Auch bei der Auswahl der Mannschaften, die man verfolgt sollte man eine Ausgewogenheit wahren und schließlich sich dadurch nicht von den großen Anliegen der Umma ablenken lassen. Deshalb sollte man auch versuchen, Ungerechtigkeit durch unkritische Identifikation mit problematischen Akteuren zu vermeiden. Gleichzeitig kann das Zuschauen auch positive Aspekte fördern: so kann es Gemeinschaftsgefühle und einen Teamgeist verstärken, gute Umgangsformen im Umgang mit Sieg und Niederlage erlernen lassen und helfen Selbstkontrolle zu fördern.
2. Vorsicht vor den Gefahren des bloßen Zuschauens und fanatischen Anfeuerns
Viele Menschen sind heute stark emotional in sportliche Ereignisse eingebunden, sodass Freude und Trauer über Spiele einen großen Raum im Alltag einnehmen. Dabei werden viele Risiken übersehen, die mit dieser Form der Massenunterhaltung verbunden sein können. Hierzu gehört ein übersteigerter Fanatismus und eine emotionale Überidentifikation und eine Verzerrung gesellschaftlicher Prioritäten. Daneben entstehen unnötige Ausgaben im Bereich der Unterhaltung bei gleichzeitig knappen Ressourcen in Bildung und Gesundheit und eine Verschiebung von Vorbildern, bei der Sportler teils stärker bewundert werden als Menschen aus Wissenschaft und Bildung, sowie eine Verengung des Begriffs von „Sieg“ und „Niederlage“ auf rein weltliche materielle Maßstäbe. Allah (t) erinnert uns in der 3.Sure Ali Imran im 185. Vers: „Wer vom Feuer ferngehalten und ins Paradies geführt wird, der hat den wahrhaftigen Erfolg. Das diesseitige Leben aber ist nur trügerischer Genuss.“
3. Vom Zuschauen zur aktiven sportlichen Betätigung
Ein wichtiger Impuls dieser globalen Sportereignisse sollte sein, Menschen vom bloßen Konsum zum eigenen sportlichen Handeln zu führen. Sport dient sowohl der körperlichen als auch der geistigen Gesundheit und gehört zu den nützlichen Aktivitäten des Menschen für Männer und Frauen und es ist eine echte Pflicht unserer Zeit; denn der Sport dient zwei Zielen der Scharia, nämlich dem Körper und dem Geist. Der Prophet Muhammad ﷺ selbst förderte verschiedene Formen körperlicher Betätigung, die zu seiner Zeit bekannt waren, darunter Laufen, Reiten und Bogenschießen. In einem von den Imamen Abu Dawud, Al Bayhaqi und Imam Al Tirmidhi (raa) überlieferten Hadith forderte der Prophet von seinen Gefährten: „Werft und reitet!“ (überliefert bei Abū Dāwūd, at-Tirmidhī und al-Bayhaqī). Und in einem weiteren Hadith von Ali ibn Abi Talib (ra), der von Imam Ahmad und Imam Al Hakim (raa) überliefert wird, sagte er über den Gang des Propheten ﷺ: „Wenn er ging, neigte er sich nach vorne, als würde er einen Abhang hinabsteigen.“ Auch Bogenschießen, Ringen und andere körperliche Aktivitäten gehörten zur Lebenspraxis unseres Propheten ﷺ. Für Musliminnen und Muslime gilt deshalb gleichermaßen, dass körperliche Aktivität nicht nur erlaubt, sondern in vieler Hinsicht gefordert und sinnvoll ist, besonders in westlichen Gesellschaften, wo entsprechende Möglichkeiten leicht zugänglich sind.
4. Zwischen weltlicher Begeisterung und religiöser Nachlässigkeit
Auffällig ist, dass viele Menschen bereit sind, für Spiele ihre Schlafenszeit zu opfern, selbst wenn diese tief in der Nacht übertragen werden. Sie verfolgen Spiele mit großer Aufmerksamkeit, stehen auf, bleiben wach – doch wenn es um das Morgengebet (Fajr) oder das Nachtgebet geht, fehlt häufig dieselbe Energie und Motivation. Dies wirft eine ernste Frage auf: Wie kann ein Mensch so viel Leidenschaft für ein vorübergehendes Spiel aufbringen, während ihm diese Leidenschaft für die Ibadat im Islam fehlt? Dieser Widerspruch weist auf eine Schwäche der inneren Ausrichtung hin. Wir stellen dies nicht fest, um die Menschen zu verurteilen, sondern um gemeinsam darüber zu reflektieren, warum das so ist. Die wahre Freude des Glaubens sollte von einer anderer Qualität sein, als die Freude an weltlicher Unterhaltung. Wer dies erlebt, erkennt den Unterschied zwischen vergänglichem Vergnügen und bleibender innerer Ruhe.
O Allah, bewahre unseren Glauben und den Glauben unserer Kinder, schenke uns rechtschaffene Nachkommen und bewahre uns vor schlechter Gesellschaft.
O Allah, lindere die Not der Menschen in Gaza, in Palästina, im Sudan und überall auf der Welt wo Unrecht geschieht.
Amin

